Wie entstand der Bottschlotter See?
Der Bottschlotter See (dänisch: Botslot Sø; nordfriesisch: Butschluuter Siie) liegt im Herzen des nordfriesischen Marschlandes, unweit der Gemeinde Dagebüll. Der flache Natursee ist ein stilles Zeugnis jahrhundertealter Eindeichungsgeschichte an der Nordsee – und zugleich ein wertvolles Ökosystem, das Naturschutz, Landwirtschaft und Freizeitnutzung miteinander verbindet.
Die Geschichte des Bottschlotter Sees ist untrennbar mit dem mühsamen und dramatischen Ringen um die Eindeichung des nordfriesischen Küstenvorlands verbunden – einem Unterfangen, das sich über mehr als ein halbes Jahrhundert hinzog. Bereits 1577 wurde zum „Bupschluter Deichwerk“ aufgerufen, und man investierte erhebliche Arbeit und Mittel, um das Bottschlotter Tief zu bändigen. Holländische Deichbaumeister wurden zu Hilfe geholt, doch Schlechtwetter, Probleme mit den notwendigen Prähmen sowie tiefe Feindseligkeit zwischen den Holländern und der einheimischen Bevölkerung führten zur Arbeitsniederlegung. Ab 1590 ruhte die Arbeit am Bottschlotter Werk.
Am 2. Juli 1633, konnte das Bottschlotter Tief schließlich durch die „Einsenkung einiger Schiffe“ (Setzung von Eichmarken, die sichersteller, dass Schiffe nicht überladen werden) erfolgreich geschlossen werden. Etwa 5.500 Menschen und Hunderte Pferdegespanne hatten dieses für Nordfriesland bedeutende Werk vollbracht. So entstand der Bottschlotter Koog, während der Prielrest dauerhaft von der Nordsee abgetrennt wurde. Als Priel bezeichnet man einen natürlichen Wasserlauf in der Marsch, im Watt oder in den Küstenüberflutungsmooren.
Der Erfolg war freilich nur von kurzer Dauer: Am 11. und 12. Oktober 1634 zerstörte die verheerende eine verheerende Sturmflut, die Burchardiflut, auch: Zweite Grote Mandränke, das mühsam Errungene. Allein in der Bökingharde kamen 402 Menschen ums Leben. 1641 gelang schließlich die endgültige Eindeichung des Bottschlotter Kooges. Der See, wie er heute existiert, ist damit das Ergebnis eines Prozesses, der insgesamt rund 157 Jahre dauerte – von den ersten Versuchen Ende des 16. Jahrhunderts bis zur vollständigen Schließung der Dagebüller Bucht im Jahr 1727.
Lage und Umgebung
Der Bottschlotter See liegt in der Gemarkung Fahretoft, einem Ortsteil der Gemeinde Dagebüll, im Kreis Nordfriesland, Schleswig-Holstein. Die Ortsteile Fahretoft und Waygaard liegen in unmittelbarer Nachbarschaft, Letzterer etwa 500 Meter vom Seeufer entfernt. Unmittelbar südlich des Sees befindet sich der Blumenkoog (früher ‚Blomenkoog‘), der 1652 gewonnen wurde. Die Umgebung ist geprägt von der typischen flachen Marschlandschaft Nordfrieslands.
Wasserwirtschaftlich ist der Bottschlotter See ein zentrales Element des Bongsieler Kanal-Systems: Die Soholmer Au und die Lecker Au vereinigen sich bei Nord-Waygaard zum Bongsieler Kanal, der schließlich durch das Seedeichsiel Schlüttsiel in die Nordsee entwässert. Der Bottschlotter See liegt genau an diesem Zusammenfluss; er hat im Norden einen Zufluss vom Alten Lecker Au und im Süden vom Amtmanns Graben. Vom südlich verlaufenden Bongsieler Kanal (Soholmer Au) ist er durch ein Sperrwerk getrennt, über das der Wasseraustausch geregelt wird.
Die Gemeinde Dagebüll ist als Fähranleger zu den Nordfriesischen Inseln Föhr und Amrum bekannt – der Bottschlotter See liegt damit in einer Region, die für Naturfreunde und Nordseeliebhaber gleichermaßen attraktiv ist.
Geografische Merkmale
Der Bottschlotter See ist trotz seiner vergleichsweise großen Fläche ein ausgesprochen flacher See – ein Merkmal, das für eingedeichte Prielreste im Marschland typisch ist:
- Seefläche: ca. 56,4 ha (564.000 m²)
- Maximale Tiefe: 1,6 m
- Durchschnittliche Tiefe: 1,1 m
- Uferlänge: etwas mehr als 4 km
- Oberirdisches Einzugsgebiet: knapp 40 km² – etwa siebzigmal größer als die eigentliche Seefläche
- Höhenlage: 1 m unter NN (niedrigster Punkt des gesamten FFH-Gebietes)
- Flussgebietseinheit: Eider
Das vergleichsweise riesige Einzugsgebiet unterstreicht die wichtige wasserwirtschaftliche Funktion des Sees: Er nimmt Oberflächenwasser aus einem weit größeren Umland auf, als seine eigene Fläche vermuten lässt.
Wasserwirtschaftliche Bedeutung
Der Bottschlotter See übernimmt eine zentrale Funktion im Wasserhaushalt der umliegenden Marschflächen: Er dient als Wasserspeicherbecken und ermöglicht die gezielte Entwässerung der angrenzenden landwirtschaftlich genutzten Flächen sowie als Hochwasserentlastungsbecken für die gesamte Region. Eigentümer des Sees ist der Deich- und Hauptsielverband Südwesthörn-Bongsiel, der damit auch für die Unterhaltung und Bewirtschaftung verantwortlich ist. Solche Verbände spielen an der Nordseeküste seit Jahrhunderten eine tragende Rolle im Küsten- und Binnenhochwasserschutz.
Naturschutz: Teil des FFH-Gebietes (Flora-Fauna-Habitat) „Gewässer des Bongsieler Kanal-Systems“
Der Bottschlotter See ist Bestandteil des FFH-Schutzgebietes „Gewässer des Bongsieler Kanal-Systems“ im Rahmen der europäischen Natura-2000-Schutzgebietskulisse. Das gesamte FFH-Gebiet hat eine Fläche von 585 ha, erstreckt sich über 34 km in nordöstlicher Richtung und durchquert die Landschaften der Schleswiger Vorgeest sowie der Nordfriesischen Marsch. Es endet mit dem Bongsieler Kanal in Schlüttsiel. Der Bottschlotter See bildet mit seinem Wasserstand von 1 m unter NN den niedrigsten Punkt des gesamten FFH-Gebietes.
Das Gewässersystem ist ein landesweit bedeutsamer Lebensraum für Neunaugen und seltene Wasserpflanzengesellschaften. Im Bereich der Soholmer Au mit dem Bottschlotter See kommen alle drei heimischen Neunaugenarten vor: Bach-, Fluss- und Meerneunauge. Diese urzeitlichen, aalähnlichen Wirbeltiere verbringen fünf bis sieben Jahre als Querder (Larven) im Larvenstadium in ruhigen, sandigen Gewässerbereichen, in die sie sich eingraben – eine einzigartige Lebensweise, die besondere Gewässerstrukturen voraussetzt.
Aufgrund des Schutzstatus regelt der Eigentümer, der Deich- und Hauptsielverband Südwesthörn-Bongsiel, den Zugang für Wassersportler und Angler auf die Zeit vom 1. Mai bis zum 30. September. Ein ausreichender Abstand zum Schilfgürtel ist ganzjährig einzuhalten. Von allen Teilen des weitläufigen FFH-Gebietes wird der Bottschlotter See am intensivsten touristisch genutzt.
Gewässerzustand und ökologische Herausforderungen
Gemäß EU-Wasserrahmenrichtlinie weist der Bottschlotter See ein gutes ökologisches Potenzial auf, während sein chemischer Zustand als schlecht eingestuft wird. Da es sich um einen künstlich entstandenen See handelt, wird für ihn nach EU-Recht kein „guter ökologischer Zustand“, sondern ein „gutes ökologisches Potenzial“ angestrebt – ein Maßstab, der die wasserwirtschaftliche Nutzung des Gewässers berücksichtigt.
Der See dient als Dränwassersammelbecken für die umliegenden landwirtschaftlichen Flächen und gleichzeitig als Hochwasserentlastungsbecken. Dies führt zu starken Seespiegelschwankungen, die dem natürlichen jahreszeitlichen Rhythmus nicht entsprechen. Das große, intensiv landwirtschaftlich genutzte Einzugsgebiet bedingt einen sehr hohen Phosphoreintrag von 5,7 g/m² Seefläche und Jahr. Als vorrangige Maßnahme gilt daher die Verringerung der Nährstoffeinträge aus dem Einzugsgebiet.
Trotz dieser Belastungen bleibt der See ein ökologisch wertvolles Gewässer: Sein rascher Wasseraustausch – das gesamte Seevolumen erneuert sich etwa alle 18 Tage – und der artenreiche Fischbesatz zeugen von einer beachtlichen Resilienz des Ökosystems.
Flora: Der Schilfgürtel als Lebensraum
Charakteristisch für den Bottschlotter See ist ein ausgeprägter Schilfgürtel (Phragmites australis), der weite Teile des Ufers säumt. Schilf ist in Flachwasserseen und Marschgewässern ein ökologisch bedeutsamer Lebensraumtyp: Es bietet Fischen Laichplätze und Jungfischen Schutz, ist Bruthabitat für zahlreiche Vogelarten und filtert Nährstoffe aus dem Wasser. Der Erhalt dieses Schilfgürtels ist ein wesentlicher Grund für die FFH-Ausweisung und die Abstandsregelungen für Besucher.
Fauna: Vögel und Fische am Bottschlotter See
Vogelwelt
Die Kombination aus Flachwassersee, Schilf und umgebenden Marschflächen macht den Bottschlotter See zu einem attraktiven Lebensraum für Wasservögel. Im Herbst rasten hier regelmäßig größere Schwärme von Zugvögeln, darunter Nonnengänse, die die Marschwiesen rund um den See als Futtergebiet nutzen. Typische Arten nordfriesischer Marschseen – wie Blässhuhn, Stockente, Haubentaucher oder Rohrsänger – finden hier geeignete Brut- und Nahrungshabitate. Die ruhige Lage abseits stark frequentierter Tourismusgebiete begünstigt eine ungestörte Vogelwelt, besonders außerhalb der Hauptsaison.
Fischbesatz
Aktuell sind im Bottschlotter See – auch als Fahretofter Natursee bekannt – folgende zehn Fischarten nachgewiesen:
- Aal (Anguilla anguilla)
- Barsch (Perca fluviatilis)
- Brasse (Abramis brama)
- Graskarpfen (Ctenopharyngodon idella)
- Hecht (Esox lucius)
- Karpfen (Cyprinus carpio)
- Rotauge (Rutilus rutilus)
- Rotfeder (Scardinius erythrophthalmus)
- Schleie (Tinca tinca)
- Zander (Sander lucioperca)
Die Artenvielfalt spiegelt den Charakter eines nährstoffreichen Flachsees wider, der sowohl Raub- als auch Weißfische in stabilen Populationen beherbergt.
Angeln und Wassersport am Bottschlotter See
Der Bottschlotter See ist ein beliebtes Gewässer für Angeln und Wassersport in Nordfriesland. Eine Angelerlaubnis ist zwingend erforderlich und kann beim Eigentümer, dem Deich- und Hauptsielverband Südwesthörn-Bongsiel, erworben werden. Angelkarten sind zudem über den OBI Baumarkt in Niebüll erhältlich (Gewässer-Nummer 786). Das Angeln ist entsprechend der FFH-Schutzgebietsvorgaben vom 1. Mai bis 30. September gestattet; der Nordteil des Sees darf nicht beangelt werden. Der Mindestabstand zum Schilfgürtel ist dabei stets einzuhalten.
Neben dem Angeln ist der See auch für den Windsport freigegeben: In festgelegten Zeiten und Zonen darf der Bottschlotter See von Windsurfern genutzt werden. Ruderboote ohne Motor sind ebenfalls erlaubt. Alle Nutzungen sind auf die Sommersaison beschränkt und unterliegen den Vorgaben des FFH-Schutzgebietes.
Mit seinem vielfältigen Fischbesatz – vom Raubfisch Hecht und Zander bis zum klassischen Karpfenangeln – bietet der See Anglern unterschiedlicher Ausrichtung attraktive Bedingungen. Die flache Wassertiefe empfiehlt sich besonders für das Angeln vom Boot oder in Wathosen.
Praktische Informationen
- Lage: Fahretoft / Waygaard, Gemeinde Dagebüll, Kreis Nordfriesland, Schleswig-Holstein
- Eigentümer / Bewirtschaftung: Deich- und Hauptsielverband Südwesthörn-Bongsiel
- Zugang für Wassersportler und Angler: 1. Mai – 30. September
- Angelerlaubnis: beim Eigentümer oder OBI Baumarkt Niebüll (Gewässer-Nr. 786)
- Schutzstatus: FFH-Schutzgebiet Natura 2000, EU-Gebietsnummer 1219-391
- Nordteil: gesperrt für Angeln und Wassersport
- Besonderheit: Abstand zum Schilfgürtel ganzjährig einhalten
Literaturverzeichnis
Abbildung
- © Fotografie | Dieter Johannsen – Titel: Bottschlotter See in Fahretoft, einem Ortsteil von Dagebüll
Dieser Beitrag ist Teil des Themenbereichs: Wattenmeer der Nordsee
